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Abfallholz im Preiskampf

Brennmaterial oder Wertstoff?

Für die einen ist das Abfallholz der Waldwirtschaft eine erneuerbare Energiequelle, für die anderen ein wertvoller Rohstoff und viel zu schade zum Verheizen. Für beides zugleich reichen unsere Wälder wohl schon bald nicht mehr – oder doch? Der Streit um die künftige Verwendung ist jedenfalls voll entbrannt.


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Von Michael J. M. Lang


Abfallholz ist Holz, das bei der Waldbewirtschaftung anfällt, aber qualitativ zu schlecht, zu krumm oder zu kleinteilig ist, als dass man daraus Bretter, Balken und Stangen machen könnte. Es taugt aber zur Herstellung von Zellulose und Papier, als Füllmaterial für Spanplatten oder als Gartenmulch. Als Brennmaterial wurde es in größeren Mengen zuletzt in den späten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren verwendet. Die Abnehmerkreise waren daher in den letzten Jahrzehnten klein, die anfallenden Mengen dafür mehr als ausreichend und die Preise entsprechend niedrig.


Das änderte sich erst mit dem Entstehen der Ökobewegung. Seit aber klar ist, dass nur die erneuerbaren Energien einen Weg aus der Klimakatastrophe bieten, erleben alle Arten nachwachsender Brennstoffe, darunter auch das Abfallholz, einen regelrechten Nachfrageboom. Die steigende Nachfrage hat aber nicht nur positive Seiten.

Der Boom begann 2002

So wächst der energetisch genutzte (verheizte) Anteil am einheimischen Holz seit 2002 besonders stark, wie Zahlen der Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) zeigen: Wurden 2002 erst rund 29 % der gesamten Holzmenge energetisch genutzt, so lag dieser Anteil 2006 schon bei rund 37 % und 2010 bei rund 42 %. Das ist umso problematischer, als die gesamte zur Verfügung stehende Holzmenge im gleichen Zeitraum von rund 75 Mio. Festmetern im Jahr 2002 bereits auf rund 142 Mio. Festmeter im Jahr 2010 stieg. Bald aber wird durch den Zwang zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung eine natürliche Grenze erreicht werden, denn verbraucht werden darf nur so viel Holz, wie auch nachwächst.


Wenn nun die energetisch genutzte Holzmenge weiterhin drastisch wächst, wird dieses zwangsläufig zulasten des stofflich genutzten Anteils gehen und zugleich eine Holzverknappung hervorrufen. Erste wirtschaftliche Auswirkungen der steigenden Nachfrage sind für die Abnehmer von Holz bereits heute deutlich zu spüren, wie entsprechende Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen.

Die Preise ziehen an

Setzt man den Preis für die energetisch genutzten Hackschnitzel vom Januar 2005 gleich 100 %, so lag der Hackschnitzelpreis zwischen Januar 2002 und Januar 2005 im Schnitt knapp unter 100 %. Noch bis Januar 2006 stieg er nur langsam auf knapp über diesen Wert. Aber schon ein halbes Jahr später schnellte der Preis auf über 120 %. Ende Januar 2007 erreichte der Hackschnitzelpreis dann schon knapp 180 %.


Bei dieser Entwicklung gibt es natürlich einen lachenden Dritten: Die Forstwirtschaft kann endlich nicht nur ausreichende Erlöse für ihr Abfallholz, sondern sogar Gewinne einfahren.

Streitgespräch der Kontrahenten

Prof. Dr. Hubert Merkel von der Fakultät Ressourcenmanagement der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen beobachtet seit Jahren die wachsende Ressourcenkonkurrenz um das Holz. Zuletzt im Mai 2011 versuchte der diplomierte Forstwirt und promovierte Klimatologe an der HAWK als Moderator einer gut besuchten öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit dem Titel »Deutscher Wald: Verbaut oder verheizt?« die Vertreter beider Fraktionen zu einem Konsens zu bewegen. Die Interessen der Energiefraktion vertraten Martin Bentele, Geschäftsführer des Deutschen Energieholz- und Pellet-Verbands (DEPV) und Dr. Ulrich Kaier, Vorstand der Energiecontracting Heidelberg AG. Für die Seite der stofflichen Verwerter stand Dr. Peter Sauerwein, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Holzwerkstoffindustrie (VHI).


In der Veranstaltung wurde deutlich, dass hinter der aktuellen Diskussion um den Vorrang der stofflichen oder der energetischen Verwertung in erster Linie ein heftiger Preiskampf mit ungleichen Bandagen steckt. Vor allem die Subventionierung der erneuerbaren Energien stößt den stofflichen Verwertern gewaltig auf, denn sie müssen am Holzmarkt ohne derartige Subventionen im Rücken preislich mit der hoch subventionierten Energiebranche konkurrieren.

Vom Kniefall zur Waldauktion

Nicht ohne Humor parierte Bentele als Vertreter der Energiefraktion diesen Vorwurf der Preistreiberei mit einem Verweis auf den Umgangston vor dem Boom: Damals habe der Waldbesitz der Industrie das Restholz förmlich nachtragen müssen. »Da hieß es: Auf die Knie! Wenn es nichts kostet, nehme ich es mit.« Bentele weiter: Die Energiebranche habe den Markt lediglich aufgemischt und bringe der Forstwirtschaft damit zusätzliches Geld in die Kassen, mit dem diese endlich eine Laubholzdurchforstung finanzieren und den Bestand stabilisieren könne.


Tatsächlich reißen die Aufkäufer der Energiebranche den Förstern das Abfallholz mittlerweile schon am Waldrand aus den Händen. In manchen Regionen finden sogar Holzauktionen unmittelbar nach dem Einschlag an Ort und Stelle im Wald statt.

Wie lange reicht das Holz?

Dr. Peter Sauerwein von den stofflichen Verwertern machte in der Veranstaltung aber auch deutlich, dass seine Seite ebenfalls gute Argumente für ihre Position zu bieten hat: So gingen z.B. dem Staat durch die energetische Verwertung allein über den reduzierten Mehrwertsteuersatz für Brennholz jährlich rund 250 Mio. Euro verloren.


Der durch die Energiebranche verursachte Rohstoffmangel habe zudem in seiner Branche bereits zum Arbeitsplatzabbau in vierstelliger Höhe geführt. Und das mit Sicherheit wichtigste Argument: Die Verfügbarkeit von Waldholz stößt eher früher als später an eine natürliche Grenze. Nach aktuellen Schätzungen liegt die theoretisch maximal verfügbare Menge (inklusive Rinde) bei jährlich knapp 1300 Mio. m³. Realistisch und nachhaltig nutzbar sind jedoch nur zwischen 600 und 800 Mio. m³.

Der Ausweg heißt Kaskadennutzung

Zum Glück ist eine Lösung in groben Zügen bereits in Sicht: die so genannte Kaskadennutzung. Die Idee dahinter ist so simpel wie die Umsetzung komplex: Kaskadennutzung bedeutet, dass Holz zuerst stofflich genutzt wird; nach Ablauf der Gebrauchszeit der so erzeugten Produkte werden diese dann recycelt und der Energiegewinnung zugeführt. Teilweise geschieht das auch heute schon. So wandern Holzpaletten am Ende in aller Regel als Hackschnitzel oder Bruchholz in den Ofen.


Noch aber ist ein großer Teil der aus Holz hergestellten Produkte eher ein Fall für den Sperrmüll oder sogar den Sondermüll. Das Problem: Viele aus Holz hergestellte Produkte werden im Produktionsprozess so mit Fremdstoffen kontaminiert, dass eine ungiftige, klima- und umweltverträgliche Verbrennung gar nicht mehr möglich ist. Darüber hinaus verrottet ein weiterer Teil von Holzprodukten unter Bauschutt und auf Müllhalden, weil geeignete Rücknahmestrukturen fehlen.

Die Verarbeitung entscheidet

Eine Kaskadenverwertung ist natürlich nicht auf zwei Stufen beschränkt. So könnte höherwertiges Möbel- und Bauholz durchaus in einer Zwischenstufe zu Dämmmaterial oder Zellstoff verarbeitet und danach erst verheizt werden. Selbst vier und fünf Stufen wären vorstellbar.


Für eine Kaskadennutzung müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein. Die Umweltspezialisten der EPEA nennen drei:

  • Alle im Laufe der Verwertung verwendeten Substanzen müssen toxikologisch und ökologisch unbedenklich und zur Verbrennung geeignet sein.
  • Beschichtungen müssen ungiftig verbrennen oder leicht demontierbar sein.
  • Die zwischen den Stufen zurückgelegten Transportwege dürfen nicht zu lang sein.

Das allein reicht aber nicht. Wichtig seien »gute Wertschöpfungsketten«, mahnt Forstexperte Prof. Dr. Merkel. Dabei gelte es allerdings erst einmal, Pfade zu beschreiten und nicht gleich ganze Autobahnen zu bauen, denn Irrtümer seien im jetzigen Stadium nicht ausgeschlossen.


Nach Ansicht Merkels müssen auch weiche Erfolgsfaktoren berücksichtigt werden. So gehe es bei den eingeschlagenen Pfaden nicht nur um wirtschaftliche Rentabilität, sondern auch um ökologische, energetische und soziale Verträglichkeit, mindestens aber Unbedenklichkeit. Die Rolle des Staates in diesem Ressourcenstreit sieht Merkel darin, »die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich Wunsch und Wirklichkeit decken können.«

Ideen für die Energiewende

Die Diskussion um die zukünftige Nutzung von Holz zeigt auch, dass eine so tief greifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Umorientierung wie die Energiewende mit einfachen und eindimensionalen Lösungen nicht zu schaffen ist. Gebraucht werden neben einem nüchternen Blick auf die Realität vor allem innovative Ideen und Offenheit für ungewöhnliche Wege. Oder anders ausgedrückt: In Zeiten des Umbruchs sind Denkverbote streng verboten.


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